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10.11.2021 News

3 Gründe, warum Tirol keine weit­eren Bet­ten­bur­gen braucht

Nächtigungsrekorde, trotzdem weniger Wertschöpfung, immer größere Tourismusanlagen, die mehr Flächen fressen, immer kürzere Aufenthalte und 85 Prozent Anreise per Auto.

Tirol lebt vom Tourismus – und leidet darunter. Warum der Plafond längst erreicht ist, neue Bettenburgen wie am Weerberg oder in Seefeld die Situation nur weiter verschärfen würden und ein Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit und qualitativer Wertschöpfung stattfinden muss, das haben wir uns angeschaut.

 

Sucht man nach detaillierten Statistiken zur Tourismusentwicklung in Tirol, wird man schnell fündig. Kein Wunder, ist der Tourismus ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor in Tirol. In den Jahren vor der Corona-Krise kratzte der Tiroler Tourismus mit 49,6 Millionen Nächtigungen an der 50 Millionen Marke (->PDF). Damit hat Tirol gleich viele Nächtigungen wie Wien, Niederösterreich, Burgenland, Steiermark und Oberösterreich zusammen. Die Nächtigungsrekorde bringen aber auch Belastungsrekorde mit sich. Belastungen, die nicht mehr einfach hingenommen werden.

#1: Genug ist genug

Gäste bleiben immer kürzer. Waren es vor zehn Jahren noch 4,6 Tage, sind es heute knapp 4,2 Tage. Weniger Tage Aufenthalt bedeutet mehr Verkehr bei der An- und Abreise. Die Blechlawine in den Wintermonaten führt zu verstopfen Straßen in den Tälern und auf den Anreiserouten, denn nur 6 Prozent reisen mit dem Zug an. Der Rest drängt sich auf der Straße. Darunter leidet das Image des Tourismus, wie eine umfassenden Erhebung (N=1500) des MCI Innsbruck ergeben hat. 92 Prozent der Tiroler*innen wollen nicht mehr Tourismus in Tirol. Sie sehen den Plafond erreicht. 73 Prozent geben an, dass der durch Gäste verursachte An- und Abreiseverkehr sich negativ auf die Lebensqualität auswirkt.

#2: In der Wettbewerbsspirale gefangen

Immer höher, größer und noch mehr. So liefern sich die Tourismusbetriebe seit Jahren einen unerbittlichen Wettbewerb, der vielfach auf Kosten kleiner Betriebe geht. Es findet eine Kannibalisierung statt, von der niemand außer den Touristiker*innen profitiert und Natur und Boden in Dauerstress versetzt. Denn mit einem Auge wird immer schon auf die nächste Erschließung geschielt – egal ob Grünfläche oder Bergkette. So ist es auch am Weerberg, wo ein 220-Bettenburg großes Hotel entstehen soll. Unser grüner Tourismussprecher Georg Kaltschmid hat bei einem Lokalaugenschein ausgeführt, welche Folgen so ein Projekt für die Einheimischen und für die Balance im Ort hat.

Investor plant 220-Betten-Burg am Weerberg

#3: Auf der Suche nach Ruhe und unberührter Natur

Aus sämtlichen Studien über die Gästeerwartungen geht hervor, dass die Sehnsucht nach Ruhe und Erholung ein zunehmend bestimmender Faktor bei der Wahl der Urlaubsdestination wird. Die unberührte Natur als Anziehungsmagnet rückt dabei in den Fokus. Weitere großdimensionierte Hotelprojekte stehen diesem Wunsch der Gäste entgegen. Knapp 22.000 Beherbergungsbetriebe in Tirol bieten ein ausreichend breites Angebot.

Fazit: mehr Qualität, weniger Quantität

Tirol braucht eine neue Leitlinie im Tourismus. Nicht „mehr Gäste“ muss das Mantra sein, sondern „mehr“ Nachhaltigkeit – regional, klimafreundlich und ganzjährig. Die einheimischen Betriebe, die vielfach von Familien geführt werden, gehören gestärkt durch Kooperation im Tourismus und einer gemeinsamen Zielsetzung. Das gilt auch für die Zukunft unserer unberührten Naturflächen. Diese gilt es zu erhalten und, wo möglich, sanft erlebbar gemacht. Dazu beitragen kann ein alpines Raumordnungsprogramm. Das wäre rechtlich verbindlich und würde neue Lösungen für die in letzter Zeit häufiger entstehenden Nutzungskonflikte auf unseren Bergen ermöglichen.

Georg Kaltschmid

Landtagsabgeordneter, Stellvertretender Klubobmann

Landhaus, Eduard Wallnöfer-Platz 3

6020 Innsbruck

georg.kaltschmid@gruene.at
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